Tschernobyl

Eine Reise der etwas anderen Art
Tschernobyl
Tschernobyl, Ukraine
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kein Reisezeitraum festgelegt

Ein Tag in der Todeszone von Tschernobyl – Reisebericht einer Userin (Vondruska Michaela)

Viele werden sich fragen, wie kommt man auf die Idee nach Tschernobyl zu reisen. Im Rahmen meiner Ausbildung in digitaler Fotografie und Bildbearbeitung an der LIK Akademie für Foto und Design in Wien, wurde diese Fotoreise angeboten. Die Institutionsleiterin Ing. Nadja Gusenbauer ist gebürtige Kiewerin und hat so die notwendigen Kontakte geknüpft und mit dem Lehrgangsleiter Eric Berger eine interessante Fotoreise zusammengestellt. Der Höhepunkt war allemal der Tag in der Sperrzone von Tschernobyl.

Vorerst möchte ich einmal nahebringen, wo Tschernobyl und die Zone überhaupt liegt:

Luftlinie von Kiew nach Norden knapp 70km zur Zonengrenze, 100km zur Stadt Tschernobyl, von dort nochmals 5km zur Todeszonengrenze, dann noch 10km zum  Atomreaktor. Zur jetzigen Geisterstadt Prypiat sind es vom AKW nochmals 5km.

Was brauche ich für einen Trip nach Tschernobyl?

  • festes Schuhwerk
  • lange Hose
  • langärmeliges Oberteil
  • Kopfbedeckung

Reiseverlauf

Unser Tag beginnt in Kiew mit einer Kontrolle sämtlicher für diese Reise notwendiger Dokumente. Jeder bekommt ein Dosimeter und jeder 2. noch einen Geigerzähler dazu. Wir haben einen Specialguest auf unserer Tour dabei – Alexej Breus, ein Ingenieur der noch 4 Tage nach dem Unglück im Unglücksreaktor gearbeitet hat. Er hat uns vieles erzählt, wie es wirklich war. Es wurde viel Fehlinformation verbreitet und sie mussten stillschweigen.

Checkpoint Dytiatky und Leliv

Dann ab in den Bus und los geht´s. Trotz der hohen Temperaturen sind wir mit langer Hose, langen Ärmeln, Stutzen, festen Schuhen bekleidet. Es soll so wenig Haut wie möglich frei sein. Da die Fahrstrecke etwas weiter ist als die oben angegebenen Luftlinien und die Straßen sehr holprig sind, brauchen wir bis zum ersten Checkpoint Dytiatky 1 ½ Stunden.

Dort müssen wir alle aus dem Bus und werden nochmals einzeln kontrolliert und darauf hingewiesen, bei den Checkpoints nicht zu fotografieren. Man darf in der Zone im Freien nicht essen, trinken und rauchen. Man sollte nichts berühren und nichts auf den Boden stellen. Das Staub aufwühlen und verlassen der asphaltierten Wege ist ebenfalls untersagt. Kopfbedeckungen haben wir jetzt auch noch auf und mit Insektenschutz sind wir auch eingecremt bzw. eingesprüht. Es gab dort unendlich viele Bremsen, nur ca. doppelt so groß wie bei uns.

Mit einem mulmigen Gefühl fahren wir zum nächsten Checkpoint Leliv. Dort beginnt die Todeszone. Vereinzelt piepsen schon die Geigerzähler. Wir fahren entlang dem Fluss Prypiat. Man sieht die begonnenen Reaktortürme 5 und 6. Und dann erscheint  das Atomkraftwerk mitsamt dem neuen Sarkophag, der zwar fertig ist, aber erst mit allen seinen Spezifika Ende 2018 in Betrieb gehen soll.

AKW Eingang
AKW Dedenkstaette Mit Sarkophag

Reaktor

Vor dem AKW warten bereits unsere Guides. Nochmals Sicherheitsanweisungen, Kontrollen und dann geht es für eine Stunde in den Reaktor. Durch Bunkeranlagen gelangen wir zu einer Garderobe. Dort bekommen wir Schutzschuhe, Kopfbedeckungen, Mäntel sowie Handschuhe und Atemmasken. Wir werden durch Gänge geführt – vorbei an Schalträumen, Rohrleitungen, Sicherheitsanlagen. Der Boden ist teilweise nass, die Fenster sind seit 32 Jahren verschmutzt, man sieht zu den anderen Teilen des Kraftwerks.

Wir passieren verplombte Türen, Warnschilder und dann erreichen wir die Stelle wo man in den Reaktor4 (Unglücksrektor) gelangt ist vor der Katastrophe. Dort ist jetzt eine Gedenkstätte für einen Helfer, von dem man dort nur mehr seine Handabdrücke im erkalteten Material fand – er selbst hatte anderen geholfen und ist selbst umgekommen. Ein wirklich beklemmendes Gefühl.

Weiter geht es in den Schaltraum von Reaktor 3, einem Äquivalent zum Reaktor 4, wo unser Alexej seinen Dienst verrichtet hat, bis er vom Dienst suspendiert wurde, weil sein Strahlenpensum erfüllt war. Heute wird in Tschernobyl  nur mehr der Strom für die Ukraine verwaltet und verteilt. Allerdings arbeiten im Sarkophag noch Arbeiter, die an der endgültigen Fertigstellung beteiligt sind. Diese haben 14 Tage Dienst zu 12 Stunden und dann sind sie zuhause. Bevor wir das AKW verlassen dürfen, müssen wir durch eine Strahlenkontrolle.

In einem Besucherzentrum wird uns anhand eines Modells die Katastrophe nochmals erklärt und in einem Video der Bau des 2. Sarkophags veranschaulicht. Vor dem Besucherzentrum gibt es ein Denkmal.

AKW Schaltzentrale

Prypiat

Weiter geht es nun nach Prypiat. Wieder passieren wir einen Checkpoint. Da viele Stalker sich unerlaubterweise in die Zone schmuggeln, gibt es viele Kontrollen. Auch in Prypiat treffen wir auf Polizisten. Alexej lebte damals auch in dieser Stadt, welche 1970 für die Arbeiter des Kraftwerkes mit allem Luxus errichtet worden war. Dort lebten ca. 49 000 Menschen (davon ca. 15 000 Kinder), der Altersdurchschnitt war 26 Jahre. 2 Tage nach der Katastrophe wurde die gesamte Stadt mit 1100 Bussen und 2 ½ Stunden evakuiert. Heute erobert sich die Natur alles zurück. Von den einstigen Gebäuden sieht man nicht mehr viel. Es gab große Plünderungen und Verwüstungen. Heute ist es gefährlich die Gebäude zu betreten, da sie allesamt vom Verfall bedroht sind.

Wir haben eine Schule von außen, das Kaufhaus, das Gemeindezentrum, und den Kulturpalast von außen besichtigt, wir waren im Stadion, am Rummelplatz, im Schwimmbad, in der Musikschule und im Kino. Als wir dann abfuhren sahen wir noch einen Fuchs und einen Wolf. Es ist beängstigend …kein Foto kann diese Stimmung transportieren. Das muss man selbst gesehen/gefühlt haben. Die Geigerzähler piepsen vor sich hin- mal mehr, mal weniger.

Prypiat Rummelplatz

Kopachi und Duga

Wieder im Bus geht es weiter nach Kopachi, einem der Orte, die nach der Katastrophe aufgrund der Kontaminierung dem Erdboden gleichgemacht wurden, bis auf die Kindergärten und ein paar Steinhäuser. Wir besichtigen den Kindergarten. Das hat mich am meisten emotional bewegt. Da der Boden dort sehr stark verstrahlt ist, verbleiben wir dort nur ganz kurz.

Die letzte Station in der Zone ist Duga1 – das Radarabhörsystem der ehemaligen UdSSR. Beeindruckend ist das schon…..

Von dort müssen wir 2x durch eine Strahlenkontrolle. Am Ende des Tages haben wir etwas weniger Radioaktivität abbekommen, als bei einem Zahnröntgen. Unser Glück war, dass es in der Nacht vor unserem Besuch stark geregnet hat und daher fast kein (radioaktiver) Staub in der Luft war.

Duga 1 Checkpoint
AKW Radiationscheck

Fazit

Eine interessante Reise, die unbeschreibliche Eindrücke hinterlassen hat.

Wichtige Reisetipps

Von Kiew aus werden diese Touren von Reiseagenturen (ausgezeichnet von Trip Advisor) angeboten. Eine Buchung ist mindestens eine Woche vorher zu buchen, da es wegen der Kontrollen vorweg gemeldet werden muss. Je früher, desto besser- dann klappt es auf alle Fälle.

Den Anordnungen der Guides sind unbedingt Folge zu leisten, im Sinne der eigenen Gesundheit!!

Fotos und Bericht: Vondruska Michaela

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